Tierische Assistenz ist keine Erfindung der Neuzeit. Hunde als Begleiter blinder Menschen tauchen bereits auf antiken Wandgemälden aus dem Herculaneum, (1. Jh. n. Chr.) auf. Dort sind sie jedoch eher als Gefährten oder Beschützer dargestellt und führen die blinden Menschen nicht im heutigen Sinne.

Zu den Anfängen der Nutzung von Hunden als Hilfsmittel gibt es nur wenige Quellen und spärliche Hinweise. In der spätmittelalterlichen Straßburger Bettelordnung von 1464 bis 1506 heißt es beispielsweise “Es soll in Zukunft kein Bettler einen Hund haben oder aufziehen, es sei denn, er wäre blind und brauchte ihn.”

Die erste systematische Ausbildung von Hunden für blinde Menschen fand um 1780 im Pariser Blindenhospital “Les Quinze-Vingts” statt (A.F.J. Freville: “Geschichte berühmter Hunde”).

Als Pionier der methodischen Ausbildung bzw. Abrichtung eines Hundes gilt erst der blinde Wiener Siebmacher Josef Reisinger, der 1788 einen kleinen Spitz innerhalb eines Jahres so gut für seine Zwecke trainierte, dass seine Blindheit oft angezweifelt wurde.

Johann Wilhelm Klein, der Begründer des Wiener Blinden-Erziehungs-Institutes, erwähnt 1819 in seinem “Lehrbuch zum Unterricht der Blinden” den Führhund
und gibt auch einige aufschlussreiche Hinweise zur Abrichtung. Leider gibt es aber keine Berichte darüber, ob tatsächlich Hunde in der Wiener Blindenanstalt ausgebildet wurden.

Ein weiterer Pionier ist der Schweizer Jakob Birrer. Sein Buch “Erinnerungen, besondere Lebensfahrten und Ansichten des Jakob Birrer” (erschienen 1847) enthält das Kapitel “Art und Weise, die Hunde abzurichten, welche dem Blinden zum Führer dienen sollten”. Dort schildert er die Ausbildung seines Spitzes, der ihm fünf Jahre lang als Führhund diente.

Nach Ausbruch des I. Weltkrieges griff der Wiener Arzt Senfelder den Gedanken des Blindenführhundes wieder auf. Sein Vorschlag, den im Krieg erblindeten Männern einen Führhund zur Seite zu stellen, fand jedoch in Österreich kein Gehör.

Nach Deutschland kam die Idee des Blindenführhundes durch Geheimrat Stalling, den Vorsitzenden des “Deutschen Vereins für Sanitätshunde”. Mit Unterstützung des Kriegsministeriums gründete er im August 1916 die erste Blindenführhundschule der Welt in Oldenburg und bereits im Oktober 1916 wurde der erste Blindenführhund übergeben.

Bei den ersten Führhunden handelte es sich um ehemalige Verwundetensuchhunde, die nun systematisch für die Führung der im Krieg erblindeten Menschen ausgebildet wurden. Die Abgabe erfolgte zunächst kostenlos aus Mitteln des Vereins für Sanitätshunde.

Im Jahr 1918/19 wurden auf einem 6000qm großen Gelände ein großer Übungsgarten, eine 200qm große Zwingeranlage sowie mehrere Wirtschaftsgebäude errichtet. Der Einführungslehrgang der Kriegsblinden mit ihren Führhunden dauerte 4-6 Wochen, die Kosten hierfür in Höhe von 500 Reichsmark wurden vom Kriegsministerium übernommen.

1919 wurden 539 Kriegsblinde mit Führhunden versorgt und am 31.03.1920 waren bereits 867 Hunde im Einsatz.

Die Oldenburger Führhundschule unterhielt im Laufe der folgenden Jahre neun Filialbetriebe (Bonn, Breslau, Dresden, Essen, Freiburg, Hamburg, Magdeburg, Münster und Hannover) und bildete jährlich bis zu 600 Führhunde aus.

Aber nicht nur deutsche Kriegsblinde erhielten diese Hunde. Auch blinde Menschen aus der deutschen, englischen, französischen, spanischen, italienischen, amerikanischen, kanadischen und russischen Zivilbevölkerung wurden nun von der Oldenburger Schule und den angeschlossenen Meldestellen mit Führhunden versorgt.

Am 12. Mai 1920 wurde im Paragraph 5 Absatz 6 des Reichsversorgungsgesetzes der Anspruch des Kriegsblinden auf einen Führhund fixiert und die Anträge über das Hauptversorgungsamt an die zuständigen Ausbildungsstellen weitergeleitet. Trotz des Erfolges konnte sich das Unternehmen aber finanziell nicht halten und musste am 1. Juli 1926 seinen Betrieb einstellen. Grund hierfür war das Verbot des Wohlfahrtsministeriums, öffentlich Gelder zur Unterhaltung der Einrichtung zu sammeln.

In der Zwischenzeit waren aber Blindenführhunde so bekannt geworden, dass am 15.09.1923 durch den Deutschen Schäferhundeverein die zweite Führhundschule der Welt in Potsdam eröffnet wurde.

Die in der Schule geleistete Arbeit war richtungsweisend und begründete den damaligen Ruf Deutschlands als Mekka der modernen Blindenführhundausbildung.

Die Zwingeranlage bot Platz für etwa 100 Hunde, die Ausbildung dauerte etwa drei bis vier Monate. Zum Übungsgelände gehörte ein Hindernisgarten mit Stufen, Löchern, großen Steinen, Brücken, Höhenhindernissen und vielem mehr. . Nach dem Training im Hindernisgarten wurde in der Stadt geübt. Monatlich konnten maximal 12 blinde Menschen mit Hunden beliefert werden, die Bezahlung übernahm der Staat.

Die Erfolgsquote bei der Ausbildung der Hunde war sehr hoch. Die Schule wertete Erfahrungsberichte der Führhundhalter systematisch aus und berücksichtigte bei ihrer Arbeit die beginnende Motorisierung im Strassenverkehr.

Bis 1941 hatte die Schule über 2500 Hunde abgegeben, von denen nur 6% aufgrund von Mängeln zurückgenommen werden mussten.

1952 wurde die Führhundschule Potsdam von der DDR-Dienststelle entschädigungslos enteignet.

Die Erfolge der Potsdamer Schule wurden im In- und Ausland mit Interesse verfolgt. Die Amerikanerin Harrison-Eustis, die spätere Mitbegründerin der Blindenführhundschule “The Seeing Eye” in Morristown (New Jersey), hospitierte bereits 1927 mehrere Monate hier, um die Methodik zu studieren.

1928 eröffnete sie in der Schweiz eine Ausbildungsstätte für Führhundtrainer, die dann ihrerseits wieder in ihren Heimatländern Schulen eröffneten.

Während die ersten Ausbildungsansätze noch rein von der Berufserfahrung der Hundezüchter geprägt waren, bestimmten nun bald wissenschaftliche Methoden die Ausbildungspläne.

Die Fundamente hierfür legte Dr. Jakob von Uexcüll, der am damaligen Institut für Umweltforschung der Universität Hamburg tätig war. Er veröffentlichte die erste wissenschaftliche Abhandlung über die Methodik zur Abrichtung von Blindenführhunden, die dann wenige Jahre später (1937/38) von seinem Schüler Sarris weiterentwickelt wurde.

Sarris war es auch, der nach den Ideen seines Lehrers den ersten sog. Führwagen konstruierte und Versuche mit ihm durchführte. Der Führwagen, auch “künstlicher Mensch” genannt, entsprach in seinen Abmessungen dem Umriss eines Menschen und sollte den Hund ohne Einwirkung des Ausbilders dazu bringen, seinen Körperraum auf den größeren Raumbedarf eines Menschen zu erweitern.

Dr. Heinz Brüll, Assistent am Institut für Umweltforschung der Universität Hamburg, entwickelte schließlich den Führwagen in der nach dem II. Weltkrieg gebräuchlichen Form. Zu seiner Zeit ein fortschrittliches Ausbildungsinstrument, ist der Führwagen zwar bei manchen Führhundschulen noch immer im Gebrauch, wurde aber längst von aktuellen Erkenntnissen der Lerntheorie und des Hundetrainings überholt. Heute gilt diese Methode daher, wie viele Ansätze der Hundeausbildung aus dem vergangenen Jahrhundert, als veraltet, ineffektiv und nicht hundgerecht.

Nach 1945 bzw. der Enteignung der Potsdamer Schule 1952 fand aufgrund der politischen Lage in Deutschland zunächst keine Führhundausbildung statt. Der Schwerpunkt verlagerte sich nach Amerika, wo sich große, finanzstarke Schulen entwickelten.

Erst 1949 kam es zur Neugründung von Blindenführhundschulen in der Bundesrepublik, nun jedoch vorwiegend auf privater Basis. Da es für die Eröffnung einer Schule bis heute keinerlei staatliche Auflagen gibt und kein Qualifikationsnachweis des Ausbildungspersonals existiert, erschienen auch unseriöse Schulen auf dem Markt. Hier zählten und zählen bis heute vielfach nur finanzielle Gesichtspunkte, es wurde und wird mit fragwürdigen Methoden ausgebildet und die abgegebenen Hunde waren und sind oftmals tickende Zeitbomben, die für ihre Halter eher ein Risiko als eine Hilfe darstellen.

Diese Schulen senkten das Qualitätsniveau des Führhundes so weit, dass sein Verkaufspreis von den Kostenträgern weit unter dem Durchschnittspreis seriöser Schulen festgesetzt wurde. Die Krankenkassen bevorzugen nach wie vor die “Billiganbieter” und suggerieren angehenden Führhundhaltern oftmals, keine Wahlmöglichkeit zu haben.

Dadurch wurden bereits in den letzten Jahrzehnten viele verantwortungsbewusst arbeitende Schulen an den Rand des Ruins getrieben. So war z.B. das Deutsche Rote Kreuz gezwungen, seine in München ansässige Schule bereits im Jahr 1957 zu schließen, da der Höchstpreis für einen Führhund von den Versorgungsämtern auf 800 DM festgesetzt wurde, ein ausgebildeter Blindenführhund aber 1150 bis 1250 DM kostete.

Auch die zweite DRK-Schule, die vom 1. März 1961 bis 1972 in Berlin-Zehlendorf arbeitete, musste ihren Betrieb letztendlich einstellen, da der Kostenträger nicht bereit war, den Selbstkostenpreis des DRK zu zahlen.

Heute gibt es in Deutschland eine unüberschaubare Anzahl teils sehr kleiner Blindenführhundschulen in privater Hand. Staatliche Schulen existieren in Deutschland nicht, wenige Schulen sind als Verein oder Stiftung organisiert. Aufgrund der fehlenden Regularien und Vorgaben besteht auf dem Führhundschulenmarkt ein gewisser Wildwuchs und eine hohe Fluktuation. Auch die Ausbildungsmethoden und -grundsätze unterscheiden sich extrem stark.

In der Schweiz gibt es nur vier oder fünf Schulen (die bekannteste ist wohl die “Schweizerische Schule für Blindenführhunde” in Allschwil) die als Stiftung eingetragen ist. Die Kosten für die Ausbildung der Hunde werden von der Invalidenversicherung und aus Spendengeldern getragen.

In Österreich existiert eine ähnlich kleine Zahl von Schulen, es gibt jedoch immer wieder Bestrebungen einzelner Personen, mit der Ausbildung von Blindenführhunden zu beginnen. Hier ist die rechtliche Frage des Kostenträgers nicht geklärt, so dass blinde Menschen bei der Finanzierung auf Spenden angewiesen sind.

Die amerikanischen Führhundschulen wie “The Seeing Eye” und “Guidedogs for the Blind” finanzieren sich aus Stiftungen und Spenden. Sie sind deshalb in der Lage, ihre Hunde gegen einen symbolischen Preis abzugeben. Die Hunde kommen meist aus der schuleigenen Zucht und stehen unter laufender tierärztlicher Kontrolle. Die Aufzucht wird von Patenfamilien übernommen, die dem Hund auch eine Grunderziehung vermitteln.

Die Qualität einer Führhundschule zeigt sich aber nicht nur in der Ausbildung der Führhunde und der Zusammenschulung der Führgespanne, sondern auch in der Nachbetreuung. So hat die amerikanische Schule “Guidedogs for the Blind” einen eigenen Sozialdienst aufgebaut, der sich ständig um die Nachbetreuung der Führgespanne kümmert.

In Deutschland und Österreich gibt es keine geregelte Nachbetreuung, sondern es bleibt der Führhundschule überlassen, ob und in welchem Umfang sie diese durchführt.

Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es in Deutschland Gespannprüfer (meist O&M-Trainer oder Hundefachleute, selten jedoch beides in einer Person). Auf Antrag der Krankenkasse überprüfen diese vor der Bezahlung des Hundes das Führgespann in seinem Alltag und bescheinigen die Einsatzfähigkeit.

In Deutschland haben heute etwa 1 bis 2% der anspruchsberechtigten blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen einen Führhund. Über die genaue Anzahl gibt es nur sehr grobe Schätzungen.